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Beat Kuhn
Wer geglaubt hatte, der Wagerenhofsaal sei doch viel zu klein für ein Podium der drei Anwärter auf das höchste Amt in Uster, kam am Dienstagabend «bös auf die Welt»: Nur gerade 40 Ustermer interessierten sich dafür, wer ihre Stadt künftig regiert, halb so viele wie bei der ersten Begegnung der drei Kandidaten, bei der es um die Kultur gegangen war. Erschreckend wenig für eine Stadt mit 30 000 Einwohnern. Zudem waren vorab Politiker oder Gewerbler da.
Man wolle «den drei Kandidaten auf den Zahn fühlen», meinte Gewerbeverbandspräsident Matthias Stadler zur Begrüssung. Dann gab er das Wort an ZO/AvU-Chefredaktor Christoph Vollenweider, der als Moderator fungierte. «Ich möchte herausfinden, wie Sie sich mit den Anliegen des Gewerbes auseinander setzen», so sein Ziel des Abends.
«Rückgrat der Wirtschaft»
In einer «Aufwärmrunde», so Vollenweider, sollten die Kandidaten ihr Verhältnis zum Gewerbe darlegen. Der Kandidat der Bürgerlichen, Rolf Denzler (svp), hielt fest, dass das Gewerbe, die kleinen und mittleren Betriebe (KMU), das «Rückgrat der Schweizer Wirtschaft» seien; diese Betriebe beschäftigten zwei Drittel der Arbeitnehmer. Auch würden die KMU für die Ausbildung von Lehrlingen sorgen und einen wesentlichen Beitrag an das Steueraufkommen leisten.
René Krebs (parteilos) meinte: «Die Unterstützung des Gewerbes ist unglaublich wichtig.» Denn es sei das Gewerbe, das in Uster die Arbeitsplätze anbiete: «Leider haben wir ja keine Industrie mehr.» Er komme selber vom Gewerbe, meinte der Kulturschaffende und Musiklehrer, habe er doch einmal ein Architekturbüro gehabt: «Ich musste mich also auch dem bissigen Wind der freien Wirtschaft aussetzen.»
Martin Bornhauser meinte, er habe sowohl als Vorsteher der Abteilung Soziales als auch in seinem Beruf als Jugendanwalt einen Bezug zum Gewerbe. «Ein guter Lehrmeister ist auch ein Erzieher», hielt er im Stile Jeremias Gotthelfs fest: «Und das ist mir als Jugendanwalt wichtig.»
«Stadt behandelt Gewerbe gut»
Der Stadtrat habe kein Ohr für die Anliegen des Gewerbes, kolportierte Vollenweider einen bisweilen zu hörenden Vorwurf. «Stimmt das?» Bornhauser wies diesen Vorwurf zurück: «Das Gewerbe wird von der Stadt gut behandelt», sagte er. Grundlage von negativen Vorurteilen auf Seiten der Gewerbetreibenden seien in der Regel Missverständnisse, analysierte er. Und er konterte, das Gewerbe trete in Uster ja gar nicht geschlossen auf. Zwar räumte er ein: «Die Beziehung zwischen dem Gewerbe und dem Stadtrat muss verbessert werden. Das ist mir klar. Aber ich erwarte einen starken Partner.» Da müsse der Gewerbeverband, dem er eine Dolmetscherrolle zuordnet, «noch zulegen».
Auch Denzler befand abschwächend lediglich, der Kontakt zur Stadt sei «zum Teil» schlecht. Konkret: «Manchmal vernehmen die Gewerbler erst aus der Zeitung, dass vor ihrem Geschäft Strassenunterhaltsarbeiten geplant sind.» Umgekehrt forderte er die Gewerbler auf, sich doch für politische Ämter zur Verfügung zu stellen, um selbst Einfluss zu nehmen.
Krebs kritisierte, dass der Stadtrat den Auftrag für die Müllabfuhr an einen Unternehmer aus Kloten vergeben habe, der mit seinen Lastern nun erst nach Uster und dann zur Entsorgung des Abfalls nach Hinwil zur Kezo fahre. Das rief Bornhauser auf den Plan: «Wir sind der Submissionsgesetzgebung verpflichtet», hielt er fest. Es dürfe niemand bevorzugt werden: «Die Zeiten des Heimatschutzes sind vorbei.» Dafür könnten Ustermer Betriebe dank der neuen Submissionsverordnung auch in andern Gemeinden mehr zum Zuge kommen.
Denzler pflichtete ihm bei: «Wir haben diese Gesetzgebung nun einmal. Wenn man es anders haben will, muss man es auf gesetzlicher Ebene ändern.» Er selbst verteidigte die jetzige Submissionsverordnung; diese sei «im Sinne des Marktes». Immerhin fand der SVP-Politiker denn aber doch: «Nach Möglichkeit sollte die Stadt zugunsten des örtlichen Gewerbes entscheiden.»
Bei Gewerbezonen flexibel sein
Eine weitere Frage Vollenweiders thematisierte das Problem, dass es in Uster «kaum noch günstiges Gewerbeland» gebe. Zur Loren hatte Bornhauser süffig das geflügelte Wort auf Lager: «Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden.» Und er fügte pointiert hinzu: «Wenn wir das städtische Land einfach dem Erstbietenden geben würden, würden wir Volksvermögen verschleudern.»
Und er sprach wohl vielen Zuhörerinnen und Zuhören aus dem Herzen, als er sagte: «Ich habe mich mehr über jene Zeiten geärgert, da man sich gerichtlich um die Loren streiten musste. Denn früher hätte man gleich mit Bauen loslegen können. Heute dagegen stehen wir in Konkurrenz mit Zürich-Nord.» Zweimal war von Bürgern bis vor Bundesgericht gegen die Bebauung der Loren gekämpft worden, auf welcher Wohn- und Gewerberaum entstehen soll.
Denzler kommentierte die These, der Boden in der Loren sei zu teuer, mit dem Satz: «Der Preis bestimmt den Markt». Allgemein hält er es für notwendig, «dass wir das Angebot an Gewerbeflächen möglichst schnell dem Markt anpassen können». So müssten brach liegende alte Industrieareale für die heutigen Bedürfnisse des Marktes, also Dienstleistungsbetriebe, umgenutzt werden können. Daher müsse der Gemeinderat bei künftigen Revisionen der Zonenplanung «flexible Bauzonen» vorgeben.
Die Perspektive des Paradiesvogels
Krebs nahm den Begriff des «Paradiesvogels», als welcher er in der Presse apostrophiert worden war, als Kompliment auf und wurde poetisch: «Ein Paradiesvogel fliegt hoch, hat ein Riesenpanorama und sieht Uster in einem grösseren Zusammenhang.» Bornhauser attestierte er, dass der «ein gutes Zugpferd» sein möge und Denzler «ein hervorragender Platzhirsch». Doch würden sich seine beiden Gegenkandidaten «auf dem Boden bewegen». Uster leide aber daran, dass es «nie eine Gesamtplanung» für die Stadt gegeben habe, befand Krebs. Und er forderte: «Uster muss sich als Wohnstadt mit Pfiff positionieren, die zum Wohnen und Einkaufen verlockt. Ich weiss, das ist ein langer Prozess.»
Gesprächsleiter Vollenweider nahm die blumige Analyse von Krebs auf und fragte dessen Kontrahenten schmunzelnd: «Teilen Sie diese Vogelperspektive?» Nun kam Bornhauser einmal ein bisschen aus der Reserve: «Wir haben eine hervorragende Stadtentwicklung», konterte er die Kritik von Krebs. Und er hatte das schlagende Argument: «Wir haben 2001 den Wakkerpreis bekommen! Uster hat ein unglaubliches Entwicklungspotenzial. Nur die Ustermer selbst wissen das noch nicht!» Von den «relativ vielen Reservezonen» wolle der Stadtrat mittelfristig allerdings nur das Eschenbüel einzonen. Auf diesem Gebiet zwischen Zürich- und Sonnenbergstrasse sollen 500 neue Einwohner Platz finden; zudem sollen dort 500 Arbeitsplätze geschaffen werden.
Denzler glaubt, dass etwas getan werden muss, damit in Uster, das gemessen an der Einwohnerzahl unterdurchschnittlich viele Arbeitsplätze hat, neue Jobs entstehen: «Man muss den Instanzenweg verkürzen und bei Baubewilligungen die Fristen nicht ganz ausschöpfen», empfahl er. Die Verbindung mit der Wirtschaft habe der Wirtschaftsförderer zu knüpfen.
Zellweger-Areal: «vorbildlich»
Als vorbildlich pries Bornhauser die Zusammenarbeit der Stadt mit der Familie Bechtler für deren privaten Gestaltungsplan auf dem Zellweger-Areal. Bezüglich des Zeughausareals bedauerte der Infanterie-Major a. D., dass Uster bei der patriotischen Abtretung des Areals an den Bund vor dem Zweiten Weltkrieg nicht wie Lenzburg eine Klausel in den Vertrag aufgenommen habe, dass das Land bei Nichtmehrgebrauch ebenfalls unentgeltlich an die Stadt zurückfalle: «Das war ein Riesenfehler.»
Das Zeughausareal werde wohl künftig zu je einem Drittel zum Wohnen, für gewerbliche Zwecke sowie für Kulturelles und genossenschaftliches Wohnen genutzt werden, prognostizierte Bornhauser. Einen Kauf des Areals durch die Stadt alleine hält Bornhauser angesichts von deren finanzieller Situation für ausgeschlossen. «Ich denke, dass wir mit einem privaten Investor zusammenarbeiten müssen, aber als Stadt auch einiges investieren müssen.»
Denzler pflichtete dem bei und fügte hinzu, man müsse einen Weg finden, «der eine Win-Win-Situation ermöglicht», sprich, «dass auch der Bund von der Wertsteigerung des Areals profitieren kann». Dafür, dass er aus dem Verkauf des Zeughausareals Profit schlägt, wird der Bund freilich schon besorgt sein ...
Schattenseiten des Wachstums
Bei der Frage Vollenweiders, ob sie es sinnvoll fänden, dass Uster so enorm wachse - gegenwärtig sind rund 500 Wohnungen (!) in Bau -, waren sich alle drei einig, dass der starke Zuzug grundsätzlich für die Attraktivität Usters spreche. «Doch müssen wir nun bei der Infrastruktur nachziehen», sagte Denzler: «Uns fehlt zum Beispiel Schulraum. Das belastet uns finanziell sehr.» Und Bornhauser gab zu bedenken, dass die Stadt das Wachstum nur bei Umzonungen steuern könne. Wenn ein Bauprojekt zonenkonform sei, müsse der Stadtrat die Baubewilligung dafür erteilen.
Doch nicht die erste SP-Kandidatur
Die Kandidatur von Martin Bornhauser ist doch nicht der erste Angriff der SP auf das Ustermer Stadtpräsidium. Die entsprechende Behauptung im gestrigen Artikel über die Ausgangslage bei den Stadtratswahlen war falsch.
1974 Suremann gegen Flach
Es ist zwar weitherum vergessen. Aber als 1974 Albert Hofmann (svp) als Stadtpräsident abtrat, hat es die SP mit Stadtrat Walter Suremann schon einmal versucht. Der sass damals mit Heini Alge, dem Vater des heutigen SVP-Gemeinderates Robert Alge, in der Stadtregierung. Zwar erreichte der Sozialdemokrat gegen den Kandidaten der Bürgerlichen, Walter Flach (fdp), den Achtungserfolg, dass ein zweiter Wahlgang angesetzt werden musste. Schliesslich musste sich Suremann aber geschlagen geben.
«Als Person hätte man mich wahrscheinlich akzeptiert», glaubt Suremann. Doch war er eben in der falschen Partei. Hinzu kam, dass er, der dieses Jahr 74 wird, mit damals 42 Lenzen ein sehr junger Kandidat war, 13 Jahre jünger als der damals 55-jährige Flach, der in diesem Jahr 87 wird.
1986 Stalder gegen Thalmann
Auf diesen Fehler aufmerksam gemacht hat den ZO/AvU Heinz Stalder. Der FDP-Mann war 1986, als Flach nach zwölf Jahren abtrat, der Kandidat der Bürgerlichen. Ihn schlug dann - ebenfalls im zweiten Wahlgang - der damalige Präsident der Reformierten Kirchenpflege, Hans Thalmann, der aus der FDP ausgetreten war und als Parteiloser antrat.
1998 Surbeck gegen Wolfensberger
Ein zweiter Wahlgang war auch 1998 zwischen Elisabeth Surbeck (fdp) und Heinz Wolfensberger (svp) nötig, ehe Surbeck als neues Stadtoberhaupt feststand. Ein zweiter Wahlgang zwischen Martin Bornhauser (sp) und Rolf Denzler (svp) entspräche von daher schon fast einer Ustermer Tradition ...
Es hatte gestern auch einen Fehler in der Graphik: 1994 vertrat nicht ein Mann die SP, sondern eine Frau. Heidi Vogt löste damals Ludi Fuchs ab. (bk)
Bornhauser zur Oberlandautobahn
«Sie sind ali so nätt», hätte man angesichts des ohne jegliche Attacke ruhig dahinplätschernden Gespräches der drei Kandidaten seufzen können. Immerhin kam dann aber noch in der Fragerunde mit dem Publikum etwas Wahlkampfstimmung auf.
«Das habe ich nicht so gesagt»
Insbesondere wurde Bornhauser wegen zwei Äusserungen in die Zange genommen, die er gemäss Medienmitteilung der Grünen an deren Hearing gemacht hatte. Der SP-Mann bestritt, dass er sich gegen die Lückenschliessung der Oberlandautobahn ausgesprochen und die vielen Barrieren in Uster als «Schutzschilder gegen die wachsende Blechlawine, die unbedingt zu verteidigen sind», bezeichnet habe: «Das habe ich nicht so gesagt.»
Von den elf Barrieren auf Ustermer Boden erachtet er nur vier als problematisch. Diejenige in Werrikon werde im Zusammenhang mit dem Bau der Überführung in der Loren aber aufgehoben. Desgleichen diejenige an der Aathalstrasse in Oberuster, die durch eine Unterführung ersetzt werde. Und die Barriere an der Winterthurerstrasse könne bald einmal via Loren umfahren werden. «Nur beim Bahnhof kann man nichts machen. Die würde ich am liebsten schliessen.»
«Das ist auch eine Antwort»
Punkto Oberlandautobahn präzisierte Bornhauser: «Es war seinerzeit ein Fehler, eine vierspurige Autobahn zu bauen. Man hätte nur eine zweispurige Umfahrungsstrasse realisieren sollen.» So habe man nun viel Verkehr. «Und es ist damit zu rechnen, dass durch die Lückenschliessung auch Uster sein Fett wegkriegen wird, mit täglich rund 2000 Autos mehr auf der Aathal-/Florastrasse.» Aber die Lückenschliessung sei nun beschlossene Sache; das akzeptiere er.
SVP-Parteipräsident Werner Egli aber hakte nach: «Bist du nun für oder gegen die Lückenschliessung?» Bornhauser: «Meine persönliche Meinung ist da gar nicht von Belang.» Egli: «Das ist auch eine Antwort. Aber ich habe so etwas erwartet.» Bornhauser wird sich wohl noch ein paarmal erklären müssen ... (bk)
© «Der Zürcher Oberländer» / «Anzeiger von Uster»
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