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Beat Kuhn
Am Samstagabend stiegen jene drei Männer, die die nicht mehr antretende Elisabeth Surbeck (fdp) im Stadtpräsidium beerben möchten, im Musikcontainer erstmals in den Ring. Nach einigen Stücken der Silver Jazz Group nahmen Martin Bornhauser (sp), vom Publikum aus gesehen links, und Rolf Denzler (svp), der auch von der FDP portiert wird, rechts Platz. Passend zu seiner nicht eindeutig zuzuordnenden Haltung sass Aussenseiterkandidat René Krebs (parteilos) in der Mitte. Die Sitzposition von Gesprächsleiter Christian Brändli, Redaktionsleiter des «Anzeigers von Uster» - ganz rechts -, hatte dagegen nichts mit Politik zu tun.
Als Erstes wollte Brändli - der einen zweiten Wahlgang nicht ausschliesst - von den drei Kandidaten wissen: «Was ist für Sie Kultur?» Eine Frage, die weitgehend abstrakte Antworten zeitigte. Immerhin war etwa Denzlers Aussage, dass Kultur «uns den Spiegel vorhalten» solle, zu entnehmen, dass der SVP-Mann Kulturschaffenden auch zubilligt, gesellschaftskritisch zu sein. Bedenkenswert war zudem die Forderung von Krebs, dass es bei der Kultur primär um Erleben gehen müsse: «Kultur ist nicht lernbar, sondern nur erlebbar.» Für Bornhauser ist Kultur «einer der wichtigsten Standortvorteile unserer Stadt». Einen Mangel an «politischer Kultur» prangerte er bei den Plakaten der SVP der Stadt Zürich an, «wo nur diffamiert wird». Denzler ging nicht darauf ein.
«Nur eingreifen, wo es nicht läuft»
Krebs findet, dass Uster heute viel zu wenig Geld für Kultur ausgibt. «Als Stadtpräsident werde ich dafür sorgen, dass die kulturellen Angebote ausgeweitet werden.» Denn: «In Relation zur Grösse der Stadt läuft mir in Uster viel zu wenig.» Das mit 17 000 Einwohnern nur halb so grosse Baden etwa werfe alljährlich 60 000 Franken für ein Festival auf, während etwa er für seine Kindertheaterreihe Kufki («Kultur für Kinder») von der Stadt Uster bloss 11 000 Franken pro Jahr erhalte. Auch habe Baden ein Kleintheater, ein Casino und drei Museen - während Usters einziges Museum, das Schweizer Jazz Museum, eher ein Archiv sei. Weiter müsse das Kulturkonzept erweitert werden; das heutige Konzept funktioniere nämlich überhaupt nicht. Krebs machte geltend, dass Kultur «eine rentable Angelegenheit» sei: «Investitionen kommen zwei-, drei- oder vierfach zurück.»
Bornhauser meinte, ein gutes Kulturangebot ziehe wohlhabende Leute an, die gute Steuerzahler seien - «aber das ist ein Detail». Seiner Meinung nach sollte die Stadt punkto Kultur «nur dort eingreifen, wo der Markt nicht spielt». Wenn ein Stadtpräsident gute Beziehungen habe, könne er kapitalkräftige Private veranlassen, zu Mäzenen, Kunstförderern, zu werden, was wichtig sei. «Auch müssen wir beim Kanton mehr Geld abholen. Und ich habe gute Beziehungen zum Kanton», so der Ex-Kantonsrat.
Denzler war da skeptischer: «Es ist nicht so einfach, beim Kanton anzuklopfen. Allerdings: Steter Tropfen höhlt den Stein», räumte er ein. Wie für Bornhauser ist auch für Denzler das bestehende Kulturkonzept ausreichend. Kultur sei «eine Kernaufgabe», doch solle die Stadt nur dort «unterstützend eingreifen, wo es nicht so läuft».
«Das hat doch nicht funktioniert»
Immerhin forderte Bornhauser: «Wir müssen schauen, dass wir mehr Geld für Kulturelles bekommen. Nicht schon der Stadtpräsident sollte das Kulturbudget <abeschränze>; das macht der Gesamtstadtrat noch früh genug.» Sein bürgerlicher Gegenkandidat ist da eher für die Unterstützung der Eigeninitiative; sonst drohe auch die Gefahr, dass sich die Politik in die Kunst einmische. Das rief Krebs auf den Plan: «Aber das hat doch nicht funktioniert. Die Kulturgenossenschaften Akku und Sonne sind beide eingegangen.» Im Übrigen gehe es ja nicht darum, den Künstlern inhaltlich zu sagen, was sie machen sollten.
Denzler widersprach: «Man ist willkommen bei der Stadt.» In den letzten 20 Jahren sei diesbezüglich etwas gegangen, wenn er daran denke, unter welchen Umständen er seinerzeit Anlässe der Stadtmusik habe organisieren müssen. Allerdings musste der ehemalige Präsident der Internationalen Festlichen Musiktage Uster - die sogar im Ausland wahrgenommen worden seien - eingestehen, dass dieses avantgardistische Blasmusikfestival im Jahre 2000 «an den Finanzen gescheitert» sei.
Viel investiert habe die Stadt in die städtische Galerie für Kunst und Gestaltung, hielt Bornhauser fest: «Die Villa am Aabach hat einen viel höheren Stellenwert, als man sich in Uster bewusst ist.» Er glaubt, dass dem durch ein besseres Marketing abgeholfen werden könnte. Denzler verspricht sich eine bessere Verankerung der «Villa» in der Bevölkerung demgegenüber von einer vermehrten Berücksichtigung regionaler Künstler. Auf den Seitenhieb Bornhausers, dass die SVP die Villa am Aabach sowie die Stelle des Kulturbeauftragten ja habe streichen wollen, ging Denzler nur insofern ein, als auch er an einem Kulturbeauftragten festhalten würde. Roland Boss muss also nicht um seine Stelle bangen.
Bornhauser meinte, Uster könne zwar nicht mit Zürich konkurrieren. Doch könnte er sich für die Stadt «ein kleines Festival» vorstellen, à la Jazzfestival Willisau, Filmtage sowie Literaturtage Solothurn oder Filmfestival Locarno. «Das wäre doch etwas, womit man sich gut positionieren könnte», sagte Bornhauser und versprach, sich für so ein Projekt als Stadtpräsident «mit Herzblut zu engagieren». Dazu warf Krebs ein, der Erfolg etwa des Jazzfestivals Willisau sei doch nicht den Behörden von Willisau, sondern vorab dem Engagement von Organisator Niklaus Troxler, also einem Privaten, zu verdanken. Denzler erinnerte zudem daran, dass Uster ja bereits ein Festival habe, nämlich das Orgelfestival.
Die eigenen Kulturgewohnheiten
Etwas ins Rollen brachte der Einwurf von SVP-Gemeinderat Paul Gantenbein: «Wenn der FC Uster in der Nationalliga A spielen würde, wäre das Stadion immer voll. Es reicht nicht, das Kulturbudget zum Beispiel um 30 Prozent zu erhöhen und von Willisau zu träumen.» Darauf der Konter von Krebs: «Wenn wir dem FCU eine Halle zum Trainieren im Winter zur Verfügung stellen würden, würde er vielleicht in einer höheren als der 2. Liga spielen.» Und auch Bornhauser nahm den Ball auf: «Wir haben natürlich schon Nationalliga-A-Spieler.» Der Schlagzeuger Lucas Niggli, das Eos Gitar Quartet oder das Künstlerpaar Lenzlinger/Steiner hätten international einen Namen, die Villa am Aabach sei regional bekannt, oder das Musikkabarett Zapzarap sei «tüchtig im Kommen». «Auf sie alle kann Uster stolz sein.»
Interessant waren die Antworten auf Brändlis Frage nach dem letzten besuchten Kulturanlass. Das war bei Krebs seine letzte Kufki-Vorstellung am Sonntag zuvor gewesen. Glück hatte Denzler: Er hatte erst am Abend zuvor ein Konzert der Kulturgemeinschaft Uster besucht. Er gehe oft in Konzerte, insbesondere Blasmusikkonzerte, gab er an. Bornhauser bekannte, dass er, weil «ein Perfektionist», den «reinen Konzertgenuss» zu Hause einem Konzertbesuch mit Nebengeräuschen oder allfälligen Chanel-5-Emissionen neben sich vorziehe.
Brändlis Abschlussfrage war pointiert: «Sie haben eine Million Franken zur Verfügung. Was tun Sie damit?» Denzler: «Ich würde die Rolling Stones nach Uster holen.» Krebs: «Ich würde das Geld in einen Kulturpott einwerfen und mit den Kulturschaffenden besprechen, was wir damit tun sollen.» Und Bornhauser: «Das ist eine typische Journalistenfrage. Ich kann nur die Richtung angeben: Ich würde das Geld für die Jugend ausgeben.»
Erschienen am Montag, 16. Januar 2006
© «Der Zürcher Oberländer» / «Anzeiger von Uster»
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